Kurzgeschichten von Max Heitmann

Kategorie: Uncategorized

  • Der alte Baron

    Ein sehr alter und sehr reicher Mann saß einfach nur da, in den Gärten seines Anwesens, während sich alles um ihn herum bewegte. Es herrschte reges Treiben in diesem Schlossgarten, der schon so lange im Besitz der Familie war, dass die Dorfbewohner den Mann nur den alten Baron nannten. Er erfreute sich am Anblick der eifrigen Bienen, wie sie die Blumen bestäubten, am munteren Gesang der Vögel, die in den zahlreichen Vogelhäusern ihre Unterkunft bezogen und an den Kois im kleinen See, die sich majestätisch in der Stille wendeten. Der alte Mann war immerzu beschäftigt gewesen, doch jetzt, auf seine alten Tage, lief ihm plötzlich die Zeit davon. Die Verwaltung seiner Geschäfte hatte ihn gänzlich in Beschlag genommen. „Da ist so viel, was es noch zu erledigen gilt“, sagte er leise vor sich hin und stöhnte. Hin und wieder erlaubte er es sich aber das Träumen und dann träumte er von den blauen Bergstränden der Ägäis, die, der Legende nach, von mächtigen Göttern erschaffen wurde. Wenn er es sehr gut mit sich meinte, dann träumte er manchmal auch noch weiter, von reich behangenen Olivenbäumen, von langen Abenden in kleinen Tavernen und vom Geist der Geschichte, der über die Akropolis wehte. Und nur wenn er meinte es sich wirklich verdient zu haben, nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss beispielsweise, gestattete er es sich, dem Geschmack von Salzwasser auf seinen Lippen und der Wärme der Sonne auf seinem Gesicht nachzugehen. Wenn der Hahn krähte, war der Baron meist schon wach und er schlief oft schon, bevor die Sonne ganz untergegangen war. Er hatte seit jeher einen Chronotyp der es ihm erlaubte, früh aufzustehen, was in der Geschäftswelt noch immer als ein Zeichen von Fleiß sehr hochgeachtet war. Er war mittlerweile 70 Jahre alt und, wenngleich bei außergewöhnlich guter Gesundheit, hatte sein umtriebiges Leben ihn merklich gezeichnet. Da war nichts, was ihn zu sehr einschränkte, versicherte er sich selbst regelmäßig; dennoch beunruhigte ihn das stete Fortschreiten seines Körpers, vor dem Hintergrund der vielen Wünsche, die sich noch in ihm regten. Sodann begab sich der Baron eines Tages in den Schlossgarten, mit der festen Überzeugung, dieses Problem zu lösen. Er wusste, wenn er nur lang genug darüber brütete, würde er eine gute Lösung finden. Wie viel Geld bräuchte er, für ein Leben in Griechenland? Was wären seine Geschäfte wert, wenn er sie jemandem verkaufen würde? Würde sich eine Nachfolgerin für das Anwesen finden? Er schrieb jeweils eine Frage auf ein großes Stück Papier. Darunter notierte er eifrig die Antworten: Namen von früheren Geschäftspartnerinnen, von möglichen Käuferinnen, Zahlen und Berechnungen. Er arbeitete sorgfältig, fast schon penibel. Der Baron legte gerade eine Liste mit Anrufen an, die zu tätigen sein würden, als seine Sekretärin herauskam. Es handele sich um eine dringende E-Mail, die sofort seiner persönlichen Einschätzung bedürfe. Er eilte in sein Büro, bearbeitete das Anliegen und hatte seinerseits einige Telefonate zu führen, um die Angelegenheit abzuschließen. Als der Baron an seinen Platz im Garten zurückkehrte, kam er nicht mehr recht voran. 

    Einige Monate später erhielt der Herbst Einzug ins Dorf und brachte viel Laub über das Anwesen. Der Baron kümmerte sich, neben zwei Hausangestellten, selbst darum, weil es ihm Freude machte. An den Rändern der hohen Hecken, die den Schlossgarten umgaben, häufte er einige Laubhaufen auf, als Schutz für die Igel, die er so gern hatte. So vergingen arbeitsame Tage, die er oft auf Spaziergängen mit Freunden oder gemeinsamen Abendessen ausklingen ließ. Hin und wieder dachte der Baron noch an seinen Traum, aber wirklich weiter war er dabei bisher noch nicht gekommen, weil die Geschäfte und das Anwesen ihm einiges abverlangten. Einzig die Natur vermochte es, ihn zuweilen von seinen Arbeiten fortzubringen und mehr noch: Sie ließ ihn seine Abgabefristen und seine Zeitpläne vergessen. Wenn er den Bewegungen der Bäume im Wind zusah, dann war es, als rannte die Zeit nicht mehr, wie sie es bei ihm sonst immer tat; sie war nur noch da an seiner Seite, wie eine alte Freundin. Sie begleitete ihn, wie er so schaute und manchmal vergaß er, dass sie da war. Zugleich genoss der Baron ihre Anwesenheit. Eines Morgens saß er an seinem bescheidenen, kleinen Holz-Schreibtisch, um noch einige Briefe für die Post vorzubereiten, als er plötzlich sehr ärgerlich wurde, weil es ihm vorkam, als rase die Zeit und er käme nicht hinterher. Der Baron schrieb und faltete, klebte und knickte, aber es war nie genug, um den Papierberg, der sich vor ihm auftürmte abzuarbeiten. Als er gegen Abend auf die Uhr blicken wollte, war es ihm, als verkünde sie eine düstere Offenbarung. Also nahm sich der Baron vor, nur noch zwei kleine Verträge durchzulesen, bei denen es sich um die Anfahrtserlaubnis an einen Seehafen handelte, denn er führte die Geschäfte einer großen Reederei. Er begann zu lesen, doch er schweifte immer wieder ab. Seine Gedanken kreisten um den Trubel in den Häfen, den Gerüchen von Containerladungen voll frisch gemahlener Kräuter, die sich im Wind vermischten und raffinierte Kompositionen ergaben, aber auch um die kreischenden Möwen und die röhrenden Motoren der Schiffe. Und der Baron ärgerte sich weiter, dass er immerzu mit seiner Arbeit beschäftigt war und dass die Welt sich auch ohne seine Hilfe wunderbar weiterdrehte.

    Doch schon als der Rasen die ersten Eiskristalle trug, war der Ärger darüber wieder verflogen. Das Anwesen wollte winterfest gemacht werden und so hackte der Baron Holz für den Kamin, besserte eine Stelle am Dach aus, derer sich der Wind bemächtigt hatte und legte zusätzliche Steppdecken auf die Betten, denn die Winter im Schloss konnten sehr zugig werden. Bald schon war es bitterkalt, sodass die ersten Singvögel Unterschlupf im Mauerwerk suchten und sie fanden ihn in den kleinen Löchern, dort wo vereinzelt Steine fehlten oder eingerückt waren. Und sie plauderten untereinander und dankten dem Baron, indem sie ihm die schönsten Lieder widmeten. Natürlich bemerkte er die kleinen Vögelchen mit ihrem lieblichen Gesang, woraufhin er das Schloss so beheizte, dass die Vögel nicht frieren mussten. Der Baron saß morgens nun länger am Tisch, obwohl er sein Frühstück schon beendet hatte und lauschte den Liedern, die sie ihm brachten und abends sangen sie ihm Schlaflieder, über die er friedlich einschlief.

    Bald wurden die Tage wieder länger, die Sonne wärmte das Anwesen und die Vögel bezogen ihre kleinen Quartiere im Schlossgarten. Und auch der Baron wollte fortgehen, denn es war so still im Schloss geworden ohne die Singvögel. Doch dann dachte er an die Reederei, an das Personal und an all die guten und schlechten Neurungen, die sie mit großer Sorgfalt und viel Bedacht vorgenommen hatten; er dachte auch an die Zukunft, an Schiffe mit sauberen Motoren – für die er sich immer eingesetzt hatte – sowie an gesunde Handelsgemeinschaften zwischen den Ländern. Und da der Baron sich noch in der Lage dazu sah, die wichtigen Geschäfte gut weiterzuführen, kam ihm der Traum von seinem Leben in Griechenland auf einmal lächerlich klein vor; obwohl er noch die ersten Frühlingstage damit zugebracht hatte, im Garten Griechisch zu lernen. Also dachte er, dass er bleiben würde, so sehr ihn Griechenland auch begeisterte und so sehr er sich auch danach sehnte, eine neue Kultur kennenzulernen. Jetzt saß der Baron wieder einfach nur da an seinem Platz im Garten, und alles um ihn herum bewegte sich – die Bienen summten in ihren Nestern, die Vögel richteten ihre Häuser ein und die Kois schwammen im See. Aber in ihm regte sich keine Freude, da es ihm war, als sei es seine Pflicht, seinen Traum aufzugeben. Der Baron stützte sich mit seinem Kopf auf seine Hand und schloss die Augen. Als er erwachte, saß vor seinen Füßen ein Rotkehlchen, das aufgeregt auf und ab hüpfte. Der Baron wollte den Vogel gerade vertreiben, als das Vögelchen ganz sanft sagte: „Oh, alter Baron, wir können alle sehen, wie traurig Sie sind. Können wir Ihnen helfen, genau wie Sie uns geholfen haben?“ Und er freute sich einen Augenblick darüber, aber schnell wich die Freude wieder seinem Trübsal. „Ihr könnt mir nicht helfen. Mein Leben gilt den Geschäften. Seitdem ich ein Junge war, arbeitete ich und ich werde auch noch arbeiten, bis ich ganz vergreist bin.“ Und der Baron stand auf, um sich einem wichtigen Projekt zu widmen – einer neuen Route seiner Reederei, die zwischen Griechenland und der Türkei verlief und gänzlich batteriebetrieben verkehrte. In den ersten Tagen sollte er das Vorhaben von Athen aus leiten. So wird mir mein Griechisch also doch noch nützlich sein, dachte der Baron und seufzte. Und als er das Anwesen gerade verlassen wollte, wurde ihm schwindelig und er fiel über den Stamm einer alten Eiche, die inmitten des Schlossgartens emporragte. Der Baron atmete nur noch schwach und sah die unwirkliche Schönheit des Gartens – das Leuchten der bunten Blumen unter dem Dach der Bäume, das saftige Grün des Rasens und die Stille des runden, kristallblauen Sees. Und er wusste, dass ihn niemand finden würde, da die anderen Schlossbewohner in ihre Heimatstädte gereist waren. Und als die Tiere ihn da lagen sahen, kamen sie von überall her. Die Singvögel sangen traurige Lieder, die Frösche quakten dazu vom See aus rhythmisch im Takt und die Bienen stimmten mit ein. Und wie der Gesang verstummte, erzählte das treue Rotkehlchen von der Güte des Barons und die kleinen Igel präsentierten ihm zum Abschied stolz ihre Stacheln. Der Baron streckte sich ein letztes Mal auf dem grünen Gras aus und freute sich plötzlich wieder am Anblick des Gartens.