Kurzgeschichten von Max Heitmann

Eine Geburtstagsparty

Die Wolken lagen rosa floureszierend, angestrahlt von den Lichtern der Stadt. Aus einem Haus an der Lillienstraße in Berlin – Prenzlauer Berg wummerten tiefe Bässe und zuckten Lichtblitze vom Stroboskop – fein gesprenkelt – von einer Diskokugel die man durchs Fenster an der Decke hängen sah. Es war Annettes 18. Geburtstag, sie feierte im Wohnzimmer ihrer Eltern, in diesem Haus auf der Ecke an dem die Lillienstraße und der Margheritenring zusammenliefen. Eine Straße weiter ein kleines türkisches Frühstückscafé und ein Metzger der nun auch vegane Fleischalternativen führte.
„Wer von euch Bitches trinkt mit?“, sagte Annette, während sie auf einem Tablett 10 randvoll gefüllte Shots Jägermeister durch den Eingang ins Wohnzimmer balancierte. Es war stickig obwohl das Fenster weit geöffnet war. Davor ein Junge von vielleicht 18 Jahren, man konnte seine markanten Wagenknochen und seine feinen, eleganten Gesichtszüge durch den Dampf seiner E-Zigarette erahnen. Man sah ihn nur alle paar Sekunden, wenn das flackernde Licht auf ihn fiel; er strahlte und unterhielt sich mit zwei Freunden, die ebenfalls lachten. Einer der Jungen grölte: „Theo glaubt nicht an die wahre Liebe!“ Er entgegnete: „Ich glaube schon, dass Männer und Frauen zusammengehören, aber wer redet von großer Liebe? Ist doch nur Chemie.“ Der Junge lächelte und schüttelte mit dem Kopf, der andere umarmte ihn und wuschelte ihm durchs Haar. „Darauf trinken wir“, sagte er. Es kamen immer mehr Gäste in den schmalen Raum, an jedem der sich gegenüberliegenden Fenster stieg der Rauch von Zigaretten auf, Stimmen hingen in der Luft und legten sich über Techno-Beats.
Marion und Annette standen in der Küche am Dachfenster. Sie rauchten einen Joint an dem Annette zaghaft zog, während Marion große Züge nahm. „Uns geht es gut.“, sagte Annette. „Verdammt gut. Scheiße geht’s mir gut“, sagte Marion und lachte, „danke für die Einladung.“. Sie goß Annette ein Wasser ein. „Schön, dass du hergekommen bist.“, sagte Annette und lächelte Marion an. Über ihnen tauchte die untergehende Sonne die Häuser in ein Feuerrot, davor die gelbgrünen Herbstbäume, wie verbliebene Requisiten aus dem vorangegangenen Sommer. Annette pustete mit ihrem Rauch Ringe durch das Fenster, Marion legte ihren Kopf in den Nacken und blickte ihnen nach. „Wer von denen ist eigentlich dein Date?“, sagte Marion. „Das geht dich gar nichts an“, sagte Anette und grinste, während sie ebenfalls den Kopf in den Nacken nahm. „Er heißt Theo.“ Marion zog noch einmal tief am Joint, sie wirkte jetzt nachdenklich, wollte sich das aber nicht anmerken lassen. „Ich freue mich für dich.“, sagte sie.
Mit zunehmender Dunkelheit wurden die Beats immer härter. Theo hielt einen engagierten Vortrag über die fehlende Anerkennung von Schiedsrichtern im Fußball, der sich zu einer Grundsatzdebatte über Anerkennung und Respekt für Führungspersonen hochschaukelte, die er für unverzichtbar hielt. „Wir müssen gemeinsam etwas tun, damit wir auch in Zukunft noch gerne hier leben!“, sagte ein betrunkener Freund von Theo und er stimmte ihm zu, indem er sein Glas hob, als wolle er mit ihm anstoßen. Dann kam ein Lied, das sie alle mochten und sie begannen im Sitzen die Arme zu bewegen und zu tanzen. Der DJ sah sie und forderte sie zum Aufstehen auf.
In einer Ecke saß ein Junge ganz alleine und nippte an seinem Getränk. In einer anderen Ecke küsste sich ein Pärchen. Und in der Mitte der Tanzfläche war jetzt die Gruppe von Theo angekommen. Der Junge der Theo durchs Haar gewuschelt hatte war so betrunken, dass er nur noch Kreise mit dem Kopf in die Luft zeichnete – er sah in etwa so aus wie ein Bambus im Wind. Der andere Junge tanzte und lachte dabei, er bekam sich vor Lachen kaum noch ein. Die Luft flirrte, nicht nur vom Stroboskop und der Discokugel, sondern vielmehr noch vom Schweiß und der Wärme. Überall stießen Füße heftig auf den Dielenboden, tanzten die Leute, völlig von der Musik ergriffen, berauscht von ihren eigenen Bewegungen – und vom Alkohol – denn den gab es reichlich. Es sah aus wie eine Mischung aus einem Videodreh eines hippen Rap-Kollektivs und einer 80er Jahre Techno Party.    
„Gehen wir zu den anderen?“, fragte Marion. „Erst rauchen wir noch auf!“, sagte Annette, „Oder?“. „Klar.“, sagte Marion. Das Wohnzimmer war übersät von vereinzelten roten Plastikbechern, sowie von Weinflaschen, die nicht nur auf dem weiß eingedeckten Holz-Mobiliar standen, sondern auch auf dem gemauerten Kaminsims und den Holzfensterbänken. Annette und Marion setzten sich auf die Couch neben den Kamin; von dort aus konnten sie den ganzen Raum überblicken. Sofort kam eine Gruppe ans Sofa. „Ich mag deine Jacke!“, sagte eines der Mädchen, „Was sind das für Aufnäher?“. „Danke, du bist ja lieb. Das sind Motorrad-Aufnäher; ich fahre für mein Leben gerne Motorrad.“, sagte Annette. „Ah okay.“, sagte das Mädchen und fuhr mit der Hand über die Jacke. Marion legte einen Arm um Annette und tat so, als griff sie einen breiten Motorrad-Lenker und machte Motorengeräusche, als würde sie ein Motorrad beschleunigen. „Ja, ungefähr so sieht das dann aus.“, sagte Annette. Sie lachten alle. „Und du bist Annettes Beifahrerin?“, sagte einer der hinzugekommenen Jungs zu Marion. „Ich bin Marion“, sagte sie, „und ich bin hier der Spaß Katalysator.“. Sie grinste, legte den Kopf in den Nacken, schüttelte ihr braunes Haar und zeigte ein umgedrehtes Peace-Zeichen. Annette musste laut lachen und warf die Arme über den Kopf zurück. Dabei stieß sie eine halb entkorkte Flasche Rotwein um, die schräg hinter ihr auf dem Kamin stand. Sie fing die Flasche auf, hielt – nach hinten über das Sofa gelehnt – kurz inne und sagte langsam und mit einem breiten Lächeln: „Ich hole uns definitiv mehr Shots!“
Die Jungen-Gruppe um Theo war wahrscheinlich am betrunkensten; sie torkelten nur noch über die Tanzfläche, alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Einer der Jungen schwankte stark, bis er vornüber auf das Sofa fiel, auf dem Marion saß. Sie lächelte ihn an: „Du bist also ein Freund von Theo. Schön dich kennenzulernen!“ – sie hielt ihm die Hand hin, die der Junge kurz nahm, ohne recht zu wissen, was es mit diesem Begrüßungsritual auf sich hatte, um sich danach auf dem Sofa einzurollen, mit den Knien an der Brust und den Ellenbogen über den Ohren. „Setz‘ dich doch Theo, Annette holt gerade Shots.“, sagte sie zu Theo. „Ah, du musst Marion sein.“, sagte Theo, wischte sich seine Hand an seiner Jeans ab und hielt sie ihr hin, „Annette hat mir viel von dir erzählt – nur Gutes natürlich.“ Sie begrüßte ihn freundlich und strich sich eine Strähne ihres Haares sorgfältig hinters Ohr. Dann setzte sie zu einer Frage an („Annette ist also…“) wurde aber von Annette unterbrochen, die ein Tablett mit Shots und eine Flasche Baileys brachte. „Hey Theo.“, sie lächelte ihn freudig an und sagte zu Marion und den anderen Mädchen: „Habt ihr mich schon vermisst?“. Sie blieb vor dem Tisch stehen und goss allen nach. Sie war groß, hatte aber ein gutes Rhythmusgefühl und eine gerade Körperhaltung und drehte sich im Kreis zur Musik, fast wie eine Ballerina.
„Das ist doch die Kleine, mit der du was hast“, flüstere der betrunkene Freund Theo ins Ohr und warf den Arm um ihn. „Nicht schlecht, Alter.“ Theo drehte den Kopf von ihm weg und lächelte schmal. Sein Freund kam ihm sehr nahe, was ihm sichtlich unangenehm war. „Immerhin interessiere ich mich für Frauen und muss nicht meine männlichen Freunde begrabschen. Bist du ne Schwuchtel, oder was?“, sagte Theo etwas lauter als er beabsichtigt hatte, und stieß ihn von sich weg. Der Freund knickte in der Körpermitte zusammen, ließ den Kopf vorne überhängen und saß, wie ein sorgfältig gefaltetes Blatt Papier neben den anderen. Annette bekam von alldem nichts mit, sie war in die Musik versunken. „Und du bist ein Riesenarschloch oder was?“, sagte Marion und setzte sich auf. „Habt ihr gehört, was Theo gerade gesagt hat? Das ist so homophob, man. Ich dachte, dass wir aus dem Alter raus sind. Ich könnte kotzen.“ Sie setzte sich noch einmal auf, war unschlüssig, was sie tun sollte. Ein Mädchen sagte: „Das meint der nicht so. Eigentlich weiß er das besser.“ Theo verschränkte die Arme vor der Brust, sein Lächeln verkrampfte sich. „Das war ein Witz. Ich will nicht, dass er mir so nah kommt. Was regst du dich so auf? Ich..“, er stockte, sah in die Gruppe. 
Dann bemerkte auch Annette, dass sich die Stimmung hinter ihr auf der Couch verändert hatte. Sie setzte sich zu Theo, der wie ein Schluck Wasser in der Kurve dasaß, und legte den Arm um ihn. „Wusstest du, dass Theo ein homophobes Arschloch ist?“, sagte Marion, die sichtlich angefressen war, weil sie sich vom Freund ihrer Freundin ein anderes Verhalten gewünscht hatte. Annette glühte innerlich und äußerlich – der Alkohol, das Tanzen und die Stimmung hatten ihr eine warme Röte ins Gesicht getrieben. Sie näherte sich Theo mit ihrem Gesicht und murmelte kaum hörbar: „Was ist passiert, Süßer?“ „Er hat seinen Freund beleidigt mit einem Wort, das so homophob ist, dass ich es gar nicht wiederholen möchte.“, sagte Marion. Theo war gerade dabei, Annette in den Arm zu nehmen, als eines der anderen Mädchen das Wort wiederholte. „Das hast du wirklich gesagt, Theo?“, sagte Annette erst leise, dann sichtlich empört. Sie zog ihren Arm zurück und stand auf. Sie stellte sich vor Theo, ihre gerade Haltung war in sich zusammengefallen und sie wusste nicht mehr, was sie noch sagen sollte. Theo – der unverändert dasaß – murmelte: „Man, der hat mich angegrabscht. Das gehört sich doch nicht. Es tut mir ja leid, aber …“ Annette starrte ihn an. „Du bist mir doch nicht böse, oder Baby?“, sagte Theo. Sie schwieg.
„Möchtest du mitkommen, an die frische Luft?“, sagte Marion und hielt Annette ihre Hand hin. „Sehr gerne, danke Marion.“, sagte Annette, die ungewöhnlich krumm neben ihr her aus der Tür ging. Abseits des Sofas ging die Party unvermittelt weiter – in der Luft lag ein Dunst von dichtem Rauch, durch den die Lichtstrahlen der Discokugel sichtbar wurden. Sie gingen gemeinsam schweigend durch den Flur des Hauses; der Trubel entfernte sich, bis es ruhiger wurde. Annette nahm Marion an ihrer Hand mit in ihr Zimmer; es sah aus, als tanzten sie einen Paartanz. Marion zog die Tür zu und öffnete das Fenster. Annette hatte sich schon aufs Bett gelegt und die Knie an die Brust gezogen. „Alles ok?“, sagte Marion. „Alles gut, ich bin nur etwas betrunken. Leg dich bitte zu mir.“, sagte Annette. „Gerne.“, sagte Marion und legte sich ihr gegenüber. Sie blickten still über das Bett hinweg in müde Augen. Draußen kam der Gesang der ersten zwitschernden Vögel vor dem Fenster nicht gegen die treibende Musik aus dem Wohnzimmer an.  

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