• Der alte Baron

    Ein sehr alter und sehr reicher Mann saß einfach nur da, in den Gärten seines Anwesens, während sich alles um ihn herum bewegte. Es herrschte reges Treiben in diesem Schlossgarten, der schon so lange im Besitz der Familie war, dass die Dorfbewohner den Mann nur den alten Baron nannten. Er erfreute sich am Anblick der eifrigen Bienen, wie sie die Blumen bestäubten, am munteren Gesang der Vögel, die in den zahlreichen Vogelhäusern ihre Unterkunft bezogen und an den Kois im kleinen See, die sich majestätisch in der Stille wendeten. Der alte Mann war immerzu beschäftigt gewesen, doch jetzt, auf seine alten Tage, lief ihm plötzlich die Zeit davon. Die Verwaltung seiner Geschäfte hatte ihn gänzlich in Beschlag genommen. „Da ist so viel, was es noch zu erledigen gilt“, sagte er leise vor sich hin und stöhnte. Hin und wieder erlaubte er es sich aber das Träumen und dann träumte er von den blauen Bergstränden der Ägäis, die, der Legende nach, von mächtigen Göttern erschaffen wurde. Wenn er es sehr gut mit sich meinte, dann träumte er manchmal auch noch weiter, von reich behangenen Olivenbäumen, von langen Abenden in kleinen Tavernen und vom Geist der Geschichte, der über die Akropolis wehte. Und nur wenn er meinte es sich wirklich verdient zu haben, nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss beispielsweise, gestattete er es sich, dem Geschmack von Salzwasser auf seinen Lippen und der Wärme der Sonne auf seinem Gesicht nachzugehen. Wenn der Hahn krähte, war der Baron meist schon wach und er schlief oft schon, bevor die Sonne ganz untergegangen war. Er hatte seit jeher einen Chronotyp der es ihm erlaubte, früh aufzustehen, was in der Geschäftswelt noch immer als ein Zeichen von Fleiß sehr hochgeachtet war. Er war mittlerweile 70 Jahre alt und, wenngleich bei außergewöhnlich guter Gesundheit, hatte sein umtriebiges Leben ihn merklich gezeichnet. Da war nichts, was ihn zu sehr einschränkte, versicherte er sich selbst regelmäßig; dennoch beunruhigte ihn das stete Fortschreiten seines Körpers, vor dem Hintergrund der vielen Wünsche, die sich noch in ihm regten. Sodann begab sich der Baron eines Tages in den Schlossgarten, mit der festen Überzeugung, dieses Problem zu lösen. Er wusste, wenn er nur lang genug darüber brütete, würde er eine gute Lösung finden. Wie viel Geld bräuchte er, für ein Leben in Griechenland? Was wären seine Geschäfte wert, wenn er sie jemandem verkaufen würde? Würde sich eine Nachfolgerin für das Anwesen finden? Er schrieb jeweils eine Frage auf ein großes Stück Papier. Darunter notierte er eifrig die Antworten: Namen von früheren Geschäftspartnerinnen, von möglichen Käuferinnen, Zahlen und Berechnungen. Er arbeitete sorgfältig, fast schon penibel. Der Baron legte gerade eine Liste mit Anrufen an, die zu tätigen sein würden, als seine Sekretärin herauskam. Es handele sich um eine dringende E-Mail, die sofort seiner persönlichen Einschätzung bedürfe. Er eilte in sein Büro, bearbeitete das Anliegen und hatte seinerseits einige Telefonate zu führen, um die Angelegenheit abzuschließen. Als der Baron an seinen Platz im Garten zurückkehrte, kam er nicht mehr recht voran. 

    Einige Monate später erhielt der Herbst Einzug ins Dorf und brachte viel Laub über das Anwesen. Der Baron kümmerte sich, neben zwei Hausangestellten, selbst darum, weil es ihm Freude machte. An den Rändern der hohen Hecken, die den Schlossgarten umgaben, häufte er einige Laubhaufen auf, als Schutz für die Igel, die er so gern hatte. So vergingen arbeitsame Tage, die er oft auf Spaziergängen mit Freunden oder gemeinsamen Abendessen ausklingen ließ. Hin und wieder dachte der Baron noch an seinen Traum, aber wirklich weiter war er dabei bisher noch nicht gekommen, weil die Geschäfte und das Anwesen ihm einiges abverlangten. Einzig die Natur vermochte es, ihn zuweilen von seinen Arbeiten fortzubringen und mehr noch: Sie ließ ihn seine Abgabefristen und seine Zeitpläne vergessen. Wenn er den Bewegungen der Bäume im Wind zusah, dann war es, als rannte die Zeit nicht mehr, wie sie es bei ihm sonst immer tat; sie war nur noch da an seiner Seite, wie eine alte Freundin. Sie begleitete ihn, wie er so schaute und manchmal vergaß er, dass sie da war. Zugleich genoss der Baron ihre Anwesenheit. Eines Morgens saß er an seinem bescheidenen, kleinen Holz-Schreibtisch, um noch einige Briefe für die Post vorzubereiten, als er plötzlich sehr ärgerlich wurde, weil es ihm vorkam, als rase die Zeit und er käme nicht hinterher. Der Baron schrieb und faltete, klebte und knickte, aber es war nie genug, um den Papierberg, der sich vor ihm auftürmte abzuarbeiten. Als er gegen Abend auf die Uhr blicken wollte, war es ihm, als verkünde sie eine düstere Offenbarung. Also nahm sich der Baron vor, nur noch zwei kleine Verträge durchzulesen, bei denen es sich um die Anfahrtserlaubnis an einen Seehafen handelte, denn er führte die Geschäfte einer großen Reederei. Er begann zu lesen, doch er schweifte immer wieder ab. Seine Gedanken kreisten um den Trubel in den Häfen, den Gerüchen von Containerladungen voll frisch gemahlener Kräuter, die sich im Wind vermischten und raffinierte Kompositionen ergaben, aber auch um die kreischenden Möwen und die röhrenden Motoren der Schiffe. Und der Baron ärgerte sich weiter, dass er immerzu mit seiner Arbeit beschäftigt war und dass die Welt sich auch ohne seine Hilfe wunderbar weiterdrehte.

    Doch schon als der Rasen die ersten Eiskristalle trug, war der Ärger darüber wieder verflogen. Das Anwesen wollte winterfest gemacht werden und so hackte der Baron Holz für den Kamin, besserte eine Stelle am Dach aus, derer sich der Wind bemächtigt hatte und legte zusätzliche Steppdecken auf die Betten, denn die Winter im Schloss konnten sehr zugig werden. Bald schon war es bitterkalt, sodass die ersten Singvögel Unterschlupf im Mauerwerk suchten und sie fanden ihn in den kleinen Löchern, dort wo vereinzelt Steine fehlten oder eingerückt waren. Und sie plauderten untereinander und dankten dem Baron, indem sie ihm die schönsten Lieder widmeten. Natürlich bemerkte er die kleinen Vögelchen mit ihrem lieblichen Gesang, woraufhin er das Schloss so beheizte, dass die Vögel nicht frieren mussten. Der Baron saß morgens nun länger am Tisch, obwohl er sein Frühstück schon beendet hatte und lauschte den Liedern, die sie ihm brachten und abends sangen sie ihm Schlaflieder, über die er friedlich einschlief.

    Bald wurden die Tage wieder länger, die Sonne wärmte das Anwesen und die Vögel bezogen ihre kleinen Quartiere im Schlossgarten. Und auch der Baron wollte fortgehen, denn es war so still im Schloss geworden ohne die Singvögel. Doch dann dachte er an die Reederei, an das Personal und an all die guten und schlechten Neurungen, die sie mit großer Sorgfalt und viel Bedacht vorgenommen hatten; er dachte auch an die Zukunft, an Schiffe mit sauberen Motoren – für die er sich immer eingesetzt hatte – sowie an gesunde Handelsgemeinschaften zwischen den Ländern. Und da der Baron sich noch in der Lage dazu sah, die wichtigen Geschäfte gut weiterzuführen, kam ihm der Traum von seinem Leben in Griechenland auf einmal lächerlich klein vor; obwohl er noch die ersten Frühlingstage damit zugebracht hatte, im Garten Griechisch zu lernen. Also dachte er, dass er bleiben würde, so sehr ihn Griechenland auch begeisterte und so sehr er sich auch danach sehnte, eine neue Kultur kennenzulernen. Jetzt saß der Baron wieder einfach nur da an seinem Platz im Garten, und alles um ihn herum bewegte sich – die Bienen summten in ihren Nestern, die Vögel richteten ihre Häuser ein und die Kois schwammen im See. Aber in ihm regte sich keine Freude, da es ihm war, als sei es seine Pflicht, seinen Traum aufzugeben. Der Baron stützte sich mit seinem Kopf auf seine Hand und schloss die Augen. Als er erwachte, saß vor seinen Füßen ein Rotkehlchen, das aufgeregt auf und ab hüpfte. Der Baron wollte den Vogel gerade vertreiben, als das Vögelchen ganz sanft sagte: „Oh, alter Baron, wir können alle sehen, wie traurig Sie sind. Können wir Ihnen helfen, genau wie Sie uns geholfen haben?“ Und er freute sich einen Augenblick darüber, aber schnell wich die Freude wieder seinem Trübsal. „Ihr könnt mir nicht helfen. Mein Leben gilt den Geschäften. Seitdem ich ein Junge war, arbeitete ich und ich werde auch noch arbeiten, bis ich ganz vergreist bin.“ Und der Baron stand auf, um sich einem wichtigen Projekt zu widmen – einer neuen Route seiner Reederei, die zwischen Griechenland und der Türkei verlief und gänzlich batteriebetrieben verkehrte. In den ersten Tagen sollte er das Vorhaben von Athen aus leiten. So wird mir mein Griechisch also doch noch nützlich sein, dachte der Baron und seufzte. Und als er das Anwesen gerade verlassen wollte, wurde ihm schwindelig und er fiel über den Stamm einer alten Eiche, die inmitten des Schlossgartens emporragte. Der Baron atmete nur noch schwach und sah die unwirkliche Schönheit des Gartens – das Leuchten der bunten Blumen unter dem Dach der Bäume, das saftige Grün des Rasens und die Stille des runden, kristallblauen Sees. Und er wusste, dass ihn niemand finden würde, da die anderen Schlossbewohner in ihre Heimatstädte gereist waren. Und als die Tiere ihn da lagen sahen, kamen sie von überall her. Die Singvögel sangen traurige Lieder, die Frösche quakten dazu vom See aus rhythmisch im Takt und die Bienen stimmten mit ein. Und wie der Gesang verstummte, erzählte das treue Rotkehlchen von der Güte des Barons und die kleinen Igel präsentierten ihm zum Abschied stolz ihre Stacheln. Der Baron streckte sich ein letztes Mal auf dem grünen Gras aus und freute sich plötzlich wieder am Anblick des Gartens.


  • Eine Geburtstagsparty

    Die Wolken lagen rosa floureszierend, angestrahlt von den Lichtern der Stadt. Aus einem Haus an der Lillienstraße in Berlin – Prenzlauer Berg wummerten tiefe Bässe und zuckten Lichtblitze vom Stroboskop – fein gesprenkelt – von einer Diskokugel die man durchs Fenster an der Decke hängen sah. Es war Annettes 18. Geburtstag, sie feierte im Wohnzimmer ihrer Eltern, in diesem Haus auf der Ecke an dem die Lillienstraße und der Margheritenring zusammenliefen. Eine Straße weiter ein kleines türkisches Frühstückscafé und ein Metzger der nun auch vegane Fleischalternativen führte.
    „Wer von euch Bitches trinkt mit?“, sagte Annette, während sie auf einem Tablett 10 randvoll gefüllte Shots Jägermeister durch den Eingang ins Wohnzimmer balancierte. Es war stickig obwohl das Fenster weit geöffnet war. Davor ein Junge von vielleicht 18 Jahren, man konnte seine markanten Wagenknochen und seine feinen, eleganten Gesichtszüge durch den Dampf seiner E-Zigarette erahnen. Man sah ihn nur alle paar Sekunden, wenn das flackernde Licht auf ihn fiel; er strahlte und unterhielt sich mit zwei Freunden, die ebenfalls lachten. Einer der Jungen grölte: „Theo glaubt nicht an die wahre Liebe!“ Er entgegnete: „Ich glaube schon, dass Männer und Frauen zusammengehören, aber wer redet von großer Liebe? Ist doch nur Chemie.“ Der Junge lächelte und schüttelte mit dem Kopf, der andere umarmte ihn und wuschelte ihm durchs Haar. „Darauf trinken wir“, sagte er. Es kamen immer mehr Gäste in den schmalen Raum, an jedem der sich gegenüberliegenden Fenster stieg der Rauch von Zigaretten auf, Stimmen hingen in der Luft und legten sich über Techno-Beats.
    Marion und Annette standen in der Küche am Dachfenster. Sie rauchten einen Joint an dem Annette zaghaft zog, während Marion große Züge nahm. „Uns geht es gut.“, sagte Annette. „Verdammt gut. Scheiße geht’s mir gut“, sagte Marion und lachte, „danke für die Einladung.“. Sie goß Annette ein Wasser ein. „Schön, dass du hergekommen bist.“, sagte Annette und lächelte Marion an. Über ihnen tauchte die untergehende Sonne die Häuser in ein Feuerrot, davor die gelbgrünen Herbstbäume, wie verbliebene Requisiten aus dem vorangegangenen Sommer. Annette pustete mit ihrem Rauch Ringe durch das Fenster, Marion legte ihren Kopf in den Nacken und blickte ihnen nach. „Wer von denen ist eigentlich dein Date?“, sagte Marion. „Das geht dich gar nichts an“, sagte Anette und grinste, während sie ebenfalls den Kopf in den Nacken nahm. „Er heißt Theo.“ Marion zog noch einmal tief am Joint, sie wirkte jetzt nachdenklich, wollte sich das aber nicht anmerken lassen. „Ich freue mich für dich.“, sagte sie.
    Mit zunehmender Dunkelheit wurden die Beats immer härter. Theo hielt einen engagierten Vortrag über die fehlende Anerkennung von Schiedsrichtern im Fußball, der sich zu einer Grundsatzdebatte über Anerkennung und Respekt für Führungspersonen hochschaukelte, die er für unverzichtbar hielt. „Wir müssen gemeinsam etwas tun, damit wir auch in Zukunft noch gerne hier leben!“, sagte ein betrunkener Freund von Theo und er stimmte ihm zu, indem er sein Glas hob, als wolle er mit ihm anstoßen. Dann kam ein Lied, das sie alle mochten und sie begannen im Sitzen die Arme zu bewegen und zu tanzen. Der DJ sah sie und forderte sie zum Aufstehen auf.
    In einer Ecke saß ein Junge ganz alleine und nippte an seinem Getränk. In einer anderen Ecke küsste sich ein Pärchen. Und in der Mitte der Tanzfläche war jetzt die Gruppe von Theo angekommen. Der Junge der Theo durchs Haar gewuschelt hatte war so betrunken, dass er nur noch Kreise mit dem Kopf in die Luft zeichnete – er sah in etwa so aus wie ein Bambus im Wind. Der andere Junge tanzte und lachte dabei, er bekam sich vor Lachen kaum noch ein. Die Luft flirrte, nicht nur vom Stroboskop und der Discokugel, sondern vielmehr noch vom Schweiß und der Wärme. Überall stießen Füße heftig auf den Dielenboden, tanzten die Leute, völlig von der Musik ergriffen, berauscht von ihren eigenen Bewegungen – und vom Alkohol – denn den gab es reichlich. Es sah aus wie eine Mischung aus einem Videodreh eines hippen Rap-Kollektivs und einer 80er Jahre Techno Party.    
    „Gehen wir zu den anderen?“, fragte Marion. „Erst rauchen wir noch auf!“, sagte Annette, „Oder?“. „Klar.“, sagte Marion. Das Wohnzimmer war übersät von vereinzelten roten Plastikbechern, sowie von Weinflaschen, die nicht nur auf dem weiß eingedeckten Holz-Mobiliar standen, sondern auch auf dem gemauerten Kaminsims und den Holzfensterbänken. Annette und Marion setzten sich auf die Couch neben den Kamin; von dort aus konnten sie den ganzen Raum überblicken. Sofort kam eine Gruppe ans Sofa. „Ich mag deine Jacke!“, sagte eines der Mädchen, „Was sind das für Aufnäher?“. „Danke, du bist ja lieb. Das sind Motorrad-Aufnäher; ich fahre für mein Leben gerne Motorrad.“, sagte Annette. „Ah okay.“, sagte das Mädchen und fuhr mit der Hand über die Jacke. Marion legte einen Arm um Annette und tat so, als griff sie einen breiten Motorrad-Lenker und machte Motorengeräusche, als würde sie ein Motorrad beschleunigen. „Ja, ungefähr so sieht das dann aus.“, sagte Annette. Sie lachten alle. „Und du bist Annettes Beifahrerin?“, sagte einer der hinzugekommenen Jungs zu Marion. „Ich bin Marion“, sagte sie, „und ich bin hier der Spaß Katalysator.“. Sie grinste, legte den Kopf in den Nacken, schüttelte ihr braunes Haar und zeigte ein umgedrehtes Peace-Zeichen. Annette musste laut lachen und warf die Arme über den Kopf zurück. Dabei stieß sie eine halb entkorkte Flasche Rotwein um, die schräg hinter ihr auf dem Kamin stand. Sie fing die Flasche auf, hielt – nach hinten über das Sofa gelehnt – kurz inne und sagte langsam und mit einem breiten Lächeln: „Ich hole uns definitiv mehr Shots!“
    Die Jungen-Gruppe um Theo war wahrscheinlich am betrunkensten; sie torkelten nur noch über die Tanzfläche, alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Einer der Jungen schwankte stark, bis er vornüber auf das Sofa fiel, auf dem Marion saß. Sie lächelte ihn an: „Du bist also ein Freund von Theo. Schön dich kennenzulernen!“ – sie hielt ihm die Hand hin, die der Junge kurz nahm, ohne recht zu wissen, was es mit diesem Begrüßungsritual auf sich hatte, um sich danach auf dem Sofa einzurollen, mit den Knien an der Brust und den Ellenbogen über den Ohren. „Setz‘ dich doch Theo, Annette holt gerade Shots.“, sagte sie zu Theo. „Ah, du musst Marion sein.“, sagte Theo, wischte sich seine Hand an seiner Jeans ab und hielt sie ihr hin, „Annette hat mir viel von dir erzählt – nur Gutes natürlich.“ Sie begrüßte ihn freundlich und strich sich eine Strähne ihres Haares sorgfältig hinters Ohr. Dann setzte sie zu einer Frage an („Annette ist also…“) wurde aber von Annette unterbrochen, die ein Tablett mit Shots und eine Flasche Baileys brachte. „Hey Theo.“, sie lächelte ihn freudig an und sagte zu Marion und den anderen Mädchen: „Habt ihr mich schon vermisst?“. Sie blieb vor dem Tisch stehen und goss allen nach. Sie war groß, hatte aber ein gutes Rhythmusgefühl und eine gerade Körperhaltung und drehte sich im Kreis zur Musik, fast wie eine Ballerina.
    „Das ist doch die Kleine, mit der du was hast“, flüstere der betrunkene Freund Theo ins Ohr und warf den Arm um ihn. „Nicht schlecht, Alter.“ Theo drehte den Kopf von ihm weg und lächelte schmal. Sein Freund kam ihm sehr nahe, was ihm sichtlich unangenehm war. „Immerhin interessiere ich mich für Frauen und muss nicht meine männlichen Freunde begrabschen. Bist du ne Schwuchtel, oder was?“, sagte Theo etwas lauter als er beabsichtigt hatte, und stieß ihn von sich weg. Der Freund knickte in der Körpermitte zusammen, ließ den Kopf vorne überhängen und saß, wie ein sorgfältig gefaltetes Blatt Papier neben den anderen. Annette bekam von alldem nichts mit, sie war in die Musik versunken. „Und du bist ein Riesenarschloch oder was?“, sagte Marion und setzte sich auf. „Habt ihr gehört, was Theo gerade gesagt hat? Das ist so homophob, man. Ich dachte, dass wir aus dem Alter raus sind. Ich könnte kotzen.“ Sie setzte sich noch einmal auf, war unschlüssig, was sie tun sollte. Ein Mädchen sagte: „Das meint der nicht so. Eigentlich weiß er das besser.“ Theo verschränkte die Arme vor der Brust, sein Lächeln verkrampfte sich. „Das war ein Witz. Ich will nicht, dass er mir so nah kommt. Was regst du dich so auf? Ich..“, er stockte, sah in die Gruppe. 
    Dann bemerkte auch Annette, dass sich die Stimmung hinter ihr auf der Couch verändert hatte. Sie setzte sich zu Theo, der wie ein Schluck Wasser in der Kurve dasaß, und legte den Arm um ihn. „Wusstest du, dass Theo ein homophobes Arschloch ist?“, sagte Marion, die sichtlich angefressen war, weil sie sich vom Freund ihrer Freundin ein anderes Verhalten gewünscht hatte. Annette glühte innerlich und äußerlich – der Alkohol, das Tanzen und die Stimmung hatten ihr eine warme Röte ins Gesicht getrieben. Sie näherte sich Theo mit ihrem Gesicht und murmelte kaum hörbar: „Was ist passiert, Süßer?“ „Er hat seinen Freund beleidigt mit einem Wort, das so homophob ist, dass ich es gar nicht wiederholen möchte.“, sagte Marion. Theo war gerade dabei, Annette in den Arm zu nehmen, als eines der anderen Mädchen das Wort wiederholte. „Das hast du wirklich gesagt, Theo?“, sagte Annette erst leise, dann sichtlich empört. Sie zog ihren Arm zurück und stand auf. Sie stellte sich vor Theo, ihre gerade Haltung war in sich zusammengefallen und sie wusste nicht mehr, was sie noch sagen sollte. Theo – der unverändert dasaß – murmelte: „Man, der hat mich angegrabscht. Das gehört sich doch nicht. Es tut mir ja leid, aber …“ Annette starrte ihn an. „Du bist mir doch nicht böse, oder Baby?“, sagte Theo. Sie schwieg.
    „Möchtest du mitkommen, an die frische Luft?“, sagte Marion und hielt Annette ihre Hand hin. „Sehr gerne, danke Marion.“, sagte Annette, die ungewöhnlich krumm neben ihr her aus der Tür ging. Abseits des Sofas ging die Party unvermittelt weiter – in der Luft lag ein Dunst von dichtem Rauch, durch den die Lichtstrahlen der Discokugel sichtbar wurden. Sie gingen gemeinsam schweigend durch den Flur des Hauses; der Trubel entfernte sich, bis es ruhiger wurde. Annette nahm Marion an ihrer Hand mit in ihr Zimmer; es sah aus, als tanzten sie einen Paartanz. Marion zog die Tür zu und öffnete das Fenster. Annette hatte sich schon aufs Bett gelegt und die Knie an die Brust gezogen. „Alles ok?“, sagte Marion. „Alles gut, ich bin nur etwas betrunken. Leg dich bitte zu mir.“, sagte Annette. „Gerne.“, sagte Marion und legte sich ihr gegenüber. Sie blickten still über das Bett hinweg in müde Augen. Draußen kam der Gesang der ersten zwitschernden Vögel vor dem Fenster nicht gegen die treibende Musik aus dem Wohnzimmer an.